Samstag, 13. August 2016

Auf hoher See mit Merill De Maris

Heute kommt der erste Eintrag, der zu dem Namen "Topolinia" im Titel des Blogs gehört. Dennoch wird dieser Text nicht dem Leitfaden meines Blogs folgen, denn die Geschichte, die ich nun vorstellen werde, wurde in Amerika kreiert.
Eigentlich steht da oben auch nur "Schwerpunkt italienische Disney-Comics", dann wird das hier der "Leichtpunkt", also die (hoffentlich einzige) Ausnahme sein.
Doch nun zur Story.
Vor 79 Jahren und etwa einem Monat konnte man den letzten Strip in der Zeitung bewundern; auf Deutsch kann die Geschichte nur in dem 1975 erschienenen Melzer-Band gelesen werden.
Doch nun erst mal zur Handlung:
Nachdem Micky sein großes Abenteuer "Micky und der königliche Doppelgänger" (Link ab Februar 2017 verfügbar) erlebte, fordert ihn Minni auf, endlich mal einen richtigen Beruf zu finden. Micky entdeckt - zum großen Entsetzen Minnis - das Walfangen für sich.
Er erzählt Goofy von seinem neuen Hobby und komplett zufällig erblicken die beiden ein Plakat, auf dem Folgendes steht:




Natürlich sind die beiden (bzw. nicht Goofy, der dann doch noch überzeugt wird) komplett begeistert, machen sich sofort auf den Weg und machen auf der "Narzisse" Bekanntschaft mit dem griesgrämigen Kapitän.
In der Nacht fährt das Schiff schließlich vom Hafen ab, wobei Micky in der Kombüse arbeiten muss - anfangs noch gut gelaunt -, Goofy jedoch als Putzkraft. Mit der Zeit erfahren sie, was wirklich hinter dem Walfang steckt: Auf das Fangen, Töten oder Vertreiben des Wals ist eine Art Lösegeld ausgesetzt. Der Kapitän ist jedoch so gut wie pleite, sodass der Wal unbedingt gefangen werden muss, um die Mannschaft zu bezahlen und das Schiff nicht verkaufen zu müssen. Nach zwei Versuchen, den Wal zu töten, rudern Micky und Goofy zum Fischen aufs offene Meer hinaus. Doch wem begegnen sie?

Der berühmte (und einsame) Wal


Micky entdeckt, dass Moby (der Wal) doch nicht so blutrünstig und böse ist, wie alle glauben, sondern ein eher friedliches Geschöpf; er will daher nicht, dass er stirbt.
Zurück an Bord erblickt die Mannschaft ein sonderbares Schiff namens "Orca". Schon bald stellt sich heraus, dass der Inhaber dieses Schiffes kein Anderer als Kater Karlo ist, der in jener darauffolgenden Nacht die Maschinen der "Narzisse" sabotieren will. Zufälligerweise begegnet er dabei Micky und entführt ihn.

Entschuldigt den schiefen Scan...

Währenddessen ist der Kapitän fest davon überzeugt, Micky hätte die Geräte sabotiert und desertiere nun.
Wer nun wissen will, wie die hoffnungslose Lage noch ins Lot gebogen werden kann (die Auflösung ist ebenso einfach wie genial), sollte sich in sämtlichen Internetshops nach "Ich Goofy" umsehen. Es handelt sich hierbei um einen jahrzehntealten Melzer-Band, in dem fünf Gottfedson-Klassiker erschienen sind, jeweils sechs Strips pro Seite. Der Band lohnt sich, es ist auch die in meinen Augen drittbeste Geschichte Gottfredsons enthalten,  "Jagd auf das Phantom". Leider ist dieser Band so schwer erhältlich, dass Tausende Leser nicht in den Genuss dieser Geschichte kommen. Eine Gesamtausgabe aller Gottfredson-Tagesstrips ist auf Deutsch längst fällig, zumal noch nicht einmal alle Strips dieses herausragenden Künstlers ins Deutsche übersetzt wurden!
Nun aber zurück zu dieser Story. Und die gehört mit 125 Strips zu den längeren Werken von "Arthur". Somit bleibt einerseits sehr viel Platz für die "Entfaltung" der Handlung, andererseits ist es natürlich doof, ein Dritteljahr zu warten, bis man das Ende erfährt. Diese Länge bewirkt auch eine hervorragende Struktur. Man bemerkt in der Geschichte einen immer unterschiedlichen Spannungsbogen: Es beginnt ruhig, nimmt langsam Fahrt auf, wird wieder ruhiger, nimmt wieder Fahrt auf und endet entspannt mit weiteren 8 Strips, die man eigentlich hätte streichen können.
Des weiteren lässt sich die tolle Atmosphäre auf die Struktur zurückführen. Die schöne und teilweise auch raue Stimmung auf hoher See wurde hier perfekt eingefangen, was nicht zuletzt auch an der Kolorierung liegt, die hier zwar teilweise völlig daneben ist, aber andererseits oft auch sehr gut gemacht wurde. Die Panels bei Nacht sind nämlich schon so dunkel, dass sie teilweise die Bleistiftzeichnungen überdecken, andererseits wurde folgendes Bild hervorragend koloriert:


Atemberaubende Bilder von Floyd Gottfredson


Wie ihr seht, hat auch Floyd Gottfredson hervorragende Arbeit geleistet. Man sieht auch, dass er sich ständig wandelt: Sein Strich ist nicht mehr ganz so dick wie in den Anfangsstrips, allerdings auch nicht so dünn wie später. Mickys Augen sind noch fast komplett schwarz und er trägt noch die kurze Hose, mit der Gottfredson allemal besser umgeht als die Dänen 60 Jahre danach.
Besonders auffallend ist allerdings, dass Mickys Mund scheinbar "wandert":

Ein Beispiel für die "Mundwanderung

Eine Ähnlichkeit zu Casty lässt sich daher nicht verleugnen, gerade, wenn der Mund geschlossen ist.

Was ich an der Geschichte liebe, ist die ständige Antipathie. Der Kapitän verhält sich fast die ganze Geschichte über griesgrämig und schreit fast jeden an, der ihm über den Weg läuft, ja, eigentlich ist die gesamte Mannschaft bis auf Micky brutal, der einen wunderbaren Kontrast dazu bildet. Alle wollen den Wal töten, nur Micky (und teilweise Goofy, der ja eigentlich nie eine richtige Meinung hat) will dies verhindern. Die Moral der Geschichte lautet in meinen Augen daher "Egal, was geschieht, die Liebe existiert immer". (Lest in den letzten Strips nach, warum.) Und bevor ich mir noch vorkomme wie irgendein Psychiater, erzähle ich lieber gleich weiter:
So ganz unsympathisch, wie ihr nun vielleicht denkt, ist die Story dann doch nicht (gerade dieser Kontrast zu Gut und Böse erzeugt die Atmosphäre), es sind relativ zu anderen Gottfredson-Strips viele Gags vorhanden.
Micky verhält sich streckenweise freundlich, teilweise jedoch auch frech (dem Kapitän gegenüber):

Der traut sich aber was!


Der Kapitän in einem seiner Wutausbrüche
















Er ist eben anfangs gut gelaunt, aber später macht ihm sein Job allmählich keinen Spaß mehr.
Goofy spielt hier eigentlich kaum eine Rolle, er ist mehr oder weniger der gewöhnliche Begleiter Mickys, der gewöhnliche Trottel.
Meine Lieblingsfigur ist und bleibt jedoch der Kapitän. Er steht hierarchisch über Micky, was in älteren Geschichten oft vorkommt, aber in neueren etwas untergeht. Er ist einfach die perfekte "Würze", ohne ihn wäre der Comic langweilig. Micky hat sehr viel Respekt vor ihm, der Leser daher auch. Dennoch muss man darüber schmunzeln, wie sich der Kapitän auf fast jeder Seite über irgendetwas aufregt. Erst am Ende offenbart er seinen weichen Kern.

Der Kapitän: Harte Schale, weicher Kern

Fazit: Die eher bedrückende Atmosphäre (und teilweise Gewalt: Der Wal soll ja getötet werden, aber Brutalität ist bei Floyd nichts Besonderes mehr) und originelle Grundidee konnten mich voll überzeugen. Daher handelt es sich hierbei um einen überdurchschnittlichen Zeitungsstrip von Floyd Gottfredson.

Brutalität sind wir ja schon von den anderen Gottfredson-Strips gewohnt...


Storycode: YM 035
Seitenzahl: 125 Strips, entspricht 21+2/6 Seiten im sechsreihigen Layout
Originaltitel: The Mighty Whale Hunter
Veröffentlichung(en) im Entstehungsland: USA, Zeitungen 07.02. bis 01.07.1938; Mickey Mouse Magazine 41-42, 44-45, 47 (1939); Goofy - Best Comics (1979); Floyd Gottfredson Library 5 (2014)
Veröffentlichung(en) in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Ich Goofy 1 (1975); Mickey Mouse 1938 (Englisch)
Story: Merill De Maris
Zeichnungen: Floyd Gottfredson (Bleistift), Ted Thwaites (Tusche)

Hinweis für Gottfredson-Fans: Erst diese Woche erschien in Italien ein Remake der darauffolgenden Geschichte, "Die Klempner-Bande". Alles Weitere dazu hier.

Kommentare:

  1. Die eher düstere Atmosphäre sehe ich als nicht so sicher wie du. Meiner Meinung nach, ist die Geschichte eine wie jede andere gute Geschichte: einfach gut. Es gibt geniale Geschichten (auch von Gottfredson), diese gehört aber nicht dazu. Und ausserdem; ich finde diese ganze Disskussion über Gewalt in Gottfredson Comics als nicht gerechtfertigt. Es wird genausoviel Gewalt angewandt, wie bei allen guten Autoren. Sie merken: Ein bisschen Gewalt macht es lustiger. Sie merken allerdings auch; Ein Spletter-Massaker wäre unangebracht. Und für gewöhnlich läuft auch bei Gottfredson nicht zuviel Blut.

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    1. Danke für deinen Kommentar, Huwey.
      Ich sehe im Anwenden von Gewalt bei Gottfredson keinen Nachteil - du hast mich scheinbar missverstanden. Selbstverständlich darf Brutalität vorhanden sein, Zeitungen richten sich ja auch eher an die ältere Zielgruppe.

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  2. Die Geschichte kannte ich bisher nicht, danke, dass du darüber geschrieben hast (und nicht über die üblichen Verdächtigen Phantom, sieben Geister etc.). Allerdings finde ich diesen Text nicht ganz so gelungen wie den zu Jungle Town, er holpert ein bisschen und der übergreifende Zusammenhang fehlt. Warum zum Beispiel musst du, wenn du in der Inhaltsangabe das Wort "desertieren" verwendest, das lateinische Grundwort dazu angeben? Was wäre das für ein (Comic-)Text, wo jedes Fremdwort erst mal hergeleitet wird? Das ist doch völlig irrelevant.

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    1. @ Huwey: Vielleicht hast du recht, "düster" ist nicht ganz das richtige Wort... wohl eher "bedrückend".
      @ Primus: Ich weiß, dass der Text eher daneben ist. Bei mir gibt es Tage, an denen ich schön, und Tage, an denen ich schwach formulieren kann. Und gestern war ich leider "schwach drauf".
      Über die Geschichten, die bereits im FIESELSCHWEIF rezensiert wurden, schreibe ich mit Sicherheit nichts, zumal diese Geschichten sowieso ziemlich bekannt sein dürften (da oft nachgedruckt).
      Na gut, die Klammer streiche ich.

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    2. Naja, ich meine eher, dass Gottfredson bei dem Thema Gewalt keinesfalls ein Einzeltäter ist. Nein, ich habe dich nicht missverstanden, es ging mir gar nicht um die Meinung, sondern ich finde die Disskussion unnötig.
      Floyd Gottfredson hat diese mit seinem M.O.U.S.E.-Beitrag angefeuert. Er sagte, Gottfredson würde mehr Gewalt anwenden als andere Zeichner und Autoren, was meiner Meinung nach nicht stimmt.

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    3. Floyd Moneysac meinst du wohl.
      Ich denke allerdings wirklich, dass in Gottfredsons Strips mehr Gewalt zu finden ist als bei irgendeinem anderen: Erst gestern las ich in "Micky gegen Ratzo", wie Micky Selbstmord begehen will.
      Allerdings hast du recht, es ist unnötig, darüber zu streiten, das führt doch zu nichts.

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  3. Ich werde gern mit Gottfredson verwechselt! :-P Nee, cool, dass du die Geschichte rezensiert hast, ich hab die Rezi aber noch nicht gelesen. Mach ich jetzt aber. (@Topolino: Kannst den Kommentar wieder löschen, da er unnötig ist.

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  4. Ich finde den Jungle Town-Eintrag auch gelungener. Unten musst du noch zu "Tuscher" Bill Wright und bei "Autor" Floyd Gottfredson dazu schreiben.

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    1. Ich verlasse mich meist auf Bücher. Und in meinem Buch steht das so, wie es nun dort steht.

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    2. Mich würde übrigens interessieren, was genau dir nicht so gut gefallen hat.

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  5. Laut Inducks stammt der Plot von Gottfredson, das Skript von De Maris. Das ist bei sehr vielen Strips so (nur der Plot stammt von Gottfredson), trotzdem werden die Skriptautoren so gut wie nie genannt. Eigentlich müsste die Geschichte also "Auf hoher See mit Floyd Gottfredson" heißen. Und eigentlich müsstest du mittlerweile wissen, dass solche Fehler in den gedruckten Künstlerangaben ständig vorkommen.

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    1. Erst später, nach dem Verfassen der Rezension, habe ich auf Inducks gesehen, dass Gottfredson auch bei der Story mitgewirkt hat. Den Titel will ich nun nicht mehr verändern, da dann das (schlechte) Wortspiel verloren ginge (Maris -> Mare -> Meer)

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  6. Kommt hier auch irgendwann mal was neues?

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    1. Das könnte noch etwas dauern, mindestens ein Monat, wenn nicht sogar länger.
      Gegenfrage: Wann kommt bei dir was Neues? Wolltest du nicht den "Severin" rezensieren?

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    2. Geduld, aber etwas wird kommen.

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